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“Mr. Hopewell, es wird doch sicherlich auch bis zu Ihnen vorgedrungen sein, dass Moskau ein gefährliches Pflaster ist, gerade wenn man im wahrsten Sinne des Wortes in den Untergrund abtaucht.”, meinte Kapitan Aleksej Wladimirowitsch schließlich mit einem Grinsen, als er sich rittlinks mir gegenüber auf einen Stuhl setzte, seine Arme auf die Lehne legte und mich einen Moment lang musterte.
“Sie können von Glück reden, dass Sie so einflussreiche Freunde hier in Russland haben, denen ich zudem noch etwas schulde. Fälle wie der ihre fallen zwar irgendwie in meinen Aufgabenbereich, aber eben nur irgendwie. Sie verstehen was ich meine?”
Der Kapitan lachte rau und deutete auf eine zerfledderte Kiste, die bis zum Rand mit Akten gefüllt war und die kaum noch leserliche Aufschrift “Ungeklärte Totesfälle” trug. Ich schluckte. Hatte ich mich dieses Mal tatsächlich zu weit aus dem Fenster gelehnt? Und das nach all den Gefahren, die ich bereits überstanden hatte? Die Antwort leuchtete vor meinem inneren Auge auf: ja!
Meine Güte! Ich war verrückt gewesen! Wie konnte ich nur so übermütig sein und mich in die Unterwelt Moskaus vorwagen, zudem ohne Schutz und ohne eine Ahnung, wohin ich mich überhaupt wenden sollte, um einem alten Mythos russischer Geschichte nachzujagen, allein auf der Grundlage einer kleinen Notiz, die mir ein unbekannter zugesteckt hatte? Der pure Wahnsinn!
Allerdings fragte ich mich eines: seit wann hatte ich Freunde in Russland? Zudem auch noch augenscheinlich so einflussreiche? Und woher wussten diese, wo ich war?
Meine Grübelei wurde je unterbrochen, als Wladimirowitsch erneut das Wort ergriff und mich nun bedrohnend ansah.
“Nur eine Frage, Doktor Hopewell. ”
Erst jetzt erkannte ich, dass der Russe meinen Pass in den Händen hielt und ihn genauer studierte.
“Haben Sie ein Problem mit ihrem Alter?”
“Nein, wieso?”
Unsicher beobachtete ich, wie mein Gegenüber stirnrunzelnd von seinem Platz aufstand, zum Schreibtisch hinüber ging und in seinen Unterlagen wühlte. Er fluchte, als er nicht auf Anhieb fand, wonach er suchte und langsam wurde mir unheimlich. War die Rettung nur das beruhigende Vorspiel meines graumsamen Endes? Genau so wenig wie ich eigentlich in Russland keine Feinde hatte, hatte ich dort Freunde. Die Sache wurde mir komischer und ich überlegte ob ich nicht einfach aufspringen und losrennen sollte, doch allein der Blick durch die gesprungene Glastür des Büros zeigte mir, dass dergleichen zum Scheitern vorurteil gewesen wäre. Vor der gegenüberliegenden Tür standen zwei bewaffentete Soldaten. Zwar schienen sie nicht mich zu bewachen, doch ein Fluchtversuch in einer solchen Situation wäre gewiss reiner Selbstmord gewesen. Im Ernstfall würden diese Jungs erst schießen und danach fragen stellen – wenn überhaupt. Ich konnte nur warten… und hoffen. Wladimirowitsch kam schließlich zurück. Sein Gesichtsausdruck hatte sich verhärtet. Er stellte nun kalte klare Fragen und ließ keinen Zweifel daran, dass er mir Gott weiß was brechen würde, wenn ich sie nicht unverzüglich und korrekt beantwortete.
“Name!”
“Liam Alexander Hopewell.”
“Geburtsdatum bzw. Alter?”
“29. Februar 1977. Also 32 Jahre.”
Der Stuhl auf dem der Russe vor einem Moment noch gesessen hatte, flog plötzlich krachend in die Ecke und für einen Moment war ich von der Aktion so verwirrt, dass ich wie versteinert da saß und den am Boden liegenden Stuhl anstarrte.
“Wollen Sie mich verarschen?”
Wladimirowitsch stand nun direkt vor mir und ich konnte seinen nach Zigaretten stinkenden Atem riechen. Er reckte mir bedrohlich seine Faust entgegen und ich wusste nicht ob ich mich auf einen Schlag vorbereiten oder meine Altersangabe bestätigen sollte. Ich tat ersteres und kniff die Augen zusammen, widerstand aber dem Drang meine Arme schützend hochzureißen.
“Geburtsort!”, schrie er nun.
“Hamburg.”
“LÜGEN SIE MICH NICHT AN!”
“Ich lüge nicht. Sie haben meinen Pass doch in der Hand!”
Unvorbereitet traf mich die Faust des Russen und ich ging wie ein nasser Sack zu Boden. Ich hätte weiter schweigen sollen, doch vollautomatisch war die Antwort aus mir herausgeschossen. Benommen tastete ich nach meiner Wange und strich mir anschließend über die Lippen. Ein breiter Faden Blut blieb an meinem Handrücken kleben. Wladimirowitsch baute sich unterdessen vor mir auf.
“Liam Hopewell.”, begann er von dem Blatt, was er vorhin von seinem Schreibtisch gefischt hatte, vorzulesen. “Geboren in Menden, Sauerland. 25 Jahre alt. Studierte Geschichte und Theologie an der Universität von Bochum.”
Er drückte mir die Seite, die scheinbar ein Fax war, unter die Nase. Ich konnte nur schwer erkennen was darauf stand, so nah hielt er das Blatt vor meinem Gesicht, doch das was ich erkannte war der Auszug aus einer Akte einer Meldebehörde und darunter – scheinbar waren zwei Dokumente zusammengelegt und auf eine Seite kopiert worden – eine Internetseite: Über den Autor. Der Russe zog das Blatt wiederzurück und laß fast amüsiert weiter daraus vor.
“Hobbies: Lesen, gucken, schreiben von Science Fiction. Referenzen: Otherworld Online Roman 2008. Mein größter Traum: Einen Mafia-Roman schreiben, der dem Meisterwerk von Mario Puzo das Wasser reichen kann.”
Ich schluckte, nachdem ich all das gehört (und halb gesehen) hatte und Wladimirowitsch sprach in dem Moment genau den Gedanken aus, der mir gerade durch den Kopf ging:
“Also entweder haben Sie einen Doppelgänger, oder besitzen eine zweite Identität, die, wenn ich das höflich ausdrücken darf, gerade zu lächerlich ist.”
Er lachte wieder sein raues hässliches Lachen und im nächsten Moment packte mich der Russe am Kragen und hob mich auf den Stuhl zurück, von dem er mich zuvor erst mit einer sauberen Linken herunter geboxt hatte. Ich ließ es geschehen. Meine Gedanken kreisten um das Gesagte. Was sollte das? Wer war dieser andere Liam? Und wieso kannte ich ihn nicht? Wenn er in Bochum Geschichte studiert hatte, hätte mich sicherlich einer meiner Kollegen auf meinen Namensvetter aufmerksam gemacht oder ich ihn gar in einem meiner Seminare gehabt.
“Doktor Hopewell.”
Wladimirowitsch sprach nun mit einer betont ruhigen Stimme, doch sein Blick war noch kälter als zuvor.
“Ich frage Sie nun noch einmal und bitte Sie, trotz des kleinen Unfalls gerade, mir korrekt folgende Fragen zu beantworten. Zu unser beider Wohl. Sie verstehen?”
Ich verstand. Während der Russe nun begann die Fragen nach Namen, Alter und Herkunft neu zustellen, beantwortete ich Sie so, wie sie auf dem Blatt Papier, welches er mir nun während der Fragen immer wieder hinhielt, standen. Ihm war ebenso klar wie mir, dass meine mächtigen Freunde alles andere als begeistert waren, wenn Wladimirowitsch den Falschen gerettet hatte. Und als Wladimirowitsch nun die Fragen stellte, bedeuteten die Antworten, dass wir beide leben würden – vorerst.



